Roland ist Psychotherapeut in Weiterbildung. Er spricht über seine Reise vom Zimmermann zum Psychotherapeuten, Trance im Alltag – und das Nutzen von körperlichen Symptomen als Erinnerungshilfe.
Du hast ursprünglich Zimmermann gelernt – wie kommt man von Holz auf den Menschen?
Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, da war klar: Man lernt ein Handwerk, studieren war kein Thema. Doch schon früh habe ich gemerkt, wie sehr mich psychologische Themen interessieren. Also habe ich die BMS nachgeholt und Arbeits- und Organisationspsychologie studiert. Eine persönliche Krise mit Erschöpfungssymptomen und grundlegenden Sinnfragen während meiner Tätigkeit in der Unternehmensberatung wurde zum Wendepunkt. Ich nahm nochmals eine bewusste Kurskorrektur vor – und entschied mich für den therapeutischen Weg.
Gibt es etwas, was Du vermisst an Deinem Job als Zimmermann?
Ja, am Abend zu sehen, was man konkret geschaffen hat, zum Beispiel ein fertiger Dachstuhl, das war schon besonders. Holz als wunderbares Material und dieses aktive Gestalten mit den Händen vermisse ich manchmal. Zum Glück kann ich das in meiner Freizeit weiterhin ausleben.
Du arbeitest systemisch-hypnosystemisch. Wie kann ich mir das vorstellen – gehst Du mit Deinen Patienten in Hypnose?
In der Therapie nutze ich gerne natürliche Trancephänomene – Zustände, die wir alle aus dem Alltag kennen, etwa wenn wir verträumt aus dem Fenster schauen oder in Gedanken versinken. Es geht nicht um etwas Aussergewöhnliches, sondern darum, an die Erlebniswelt der Patientinnen anzudocken und dort Veränderung zu ermöglichen.
Wie setzt Du das konkret in der Therapie ein?
Zum Beispiel bei einem Patienten, der immer wieder von heftiger Wut überrollt wird. Gemeinsam konnten wir verstehen, dass sie sich meist dann meldet, wenn alte Hilflosigkeit aktiviert ist – als einst sinnvolle Schutzreaktion. Wir richten die Aufmerksamkeit auf frühe körperliche Signale, etwa hochgezogene Schultern. In einer Entspannungs-Trance lernt er, bewusst in ein anderes Erleben zu wechseln und dieses mit dem körperlichen Signal zu koppeln. So wird das Problemerleben selbst zur hilfreichen Erinnerungshilfe für das gewünschte Erleben.
Wie stark beeinflusst die Körperhaltung, wie es einem geht?
Es heisst: „Wie es einem geht, so geht man.“ Unsere Körperhaltung spiegelt unser Erleben. Studien legen jedoch nahe, dass auch der umgekehrte Weg wirksam ist: Über den Körper lässt sich Erleben beeinflussen. Mir wurde beispielsweise berichtet, dass bei der Dargebotenen Hand suizidale Anruferinnen und Anrufer eingeladen werden, den Blick im Gespräch bewusst nach oben zu richten statt nach unten – weil bereits die Blickrichtung das innere Erleben mit modulieren kann.
Roland hat ursprünglich Zimmermann gelernt. Später entschied er sich, angewandte Psychologie an der FHNW zu studieren und seinem beruflichen Weg eine neue Richtung zu geben. Erste praktische Erfahrungen sammelte er im Assessment-Bereich, bevor er sich, ausgelöst durch eine Sinnkrise, neu orientierte und sich für den klinischen Weg entschied. Heute arbeitet er als Psychotherapeut in Weiterbildung bei WePractice.
Nichts mehr verpassen: Abonniere unseren Newsletter und bleibe jeden Monat in 3 Minuten auf dem neuesten Stand der Psychotherapie: Jetzt abonnieren