Iunna ist Psychotherapeutin in Weiterbildung und spricht über die aktuelle berufspolitische Lage sowie über Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Therapie.
Ich höre von einigen Psychotherapeuten, dass sie die ärztliche Anordnung als Zeichen fehlenden Vertrauens in den Berufsstand der Psychotherapeutinnen empfinden. Wie siehst Du das?
Die ärztliche Anordnung empfinde ich grundsätzlich als nachvollziehbar, da auch in anderen medizinischen Fachbereichen eine Zuweisung üblich ist und eine erste Einschätzung durch den Hausarzt erfolgt. Ich finde, das ist fair.
Was stört Dich am aktuellen System?
Was mich beschäftigt, ist das Gefühl von fehlender Wertschätzung. Dass die Therapieausbildung grösstenteils selbst finanziert werden muss, vermittelt mir das Gefühl, als wäre sie eher als ein „Zusatz“ und nicht als ein selbstverständlicher Bestandteil unseres Gesundheitssystems betrachtet. Im Vergleich zu ärztlichen Laufbahnen fehlt aus meiner Sicht sowohl finanziell als auch berufspolitisch noch die entsprechende Anerkennung. Ich habe den Eindruck, dass sich die Psychotherapie in der Schweiz noch etabliert, was zugleich Anlass zur Hoffnung auf positive Entwicklungen gibt.
Du hast in der Frauenklinik am Meissenberg gearbeitet – aus welchen Gedanken heraus wurde diese auf Frauen spezialisierte Institution gegründet?
Die Ursprünge liegen in einem früheren Privatsanatorium für Frauen, woraus sich die Tradition einer gezielten Betreuung von Frauen entwickelt hat. Heutzutage wird die Tradition aus psychotherapeutischer Perspektive fortgesetzt. Dies ermöglicht einen offenen Austausch unter Patientinnen, unter anderem auch über geschlechtsspezifische Themen wie Körperbild, Sexualität, gynäkologische Herausforderungen, Kinderwunsch oder Wechseljahre. Ausserdem kann für einige Frauen mit Traumafolgestörungen ein geschützter Raum ohne männliche Konfrontation stabilisierend und unterstützend wirken.
Gibt es Unterschiede in der Psychologie oder Behandlung zwischen Männern und Frauen?
Die grundlegenden Prinzipien der Psychotherapie sind universell und unabhängig vom Geschlecht: Empathie, Verständnis und ein sicherer Raum stehen im Zentrum. Gleichzeitig gibt es durchaus geschlechtsspezifische Themen.
Welche sind das?
Unterschiede zeigen sich sowohl in biologischen Faktoren als auch in der Sozialisierung, die das psychische Funktionieren beeinflussen können. In der Therapie können diese Unterschiede zur Sprache kommen, wenn es zum Beispiel um Beziehungen, Rollenbilder, Geschlechtsidentität, Selbstwert oder den Umgang mit psychischen Belastungen geht.
Wie gehst Du mit dem Thema in Deiner Therapie um?
Ich hole Patient:innen dort ab, wo sie stehen, und gebe geschlechtsspezifischen Themen Raum, wenn sie relevant sind. Wenn es hilfreich ist, beziehe ich diese Perspektive ein – aber sie steht nicht immer im Vordergrund. In meiner Arbeit sind die persönlichen Erfahrungen und Bedürfnisse von Patient:innen leitend. Das Geschlecht ist dabei nur ein möglicher Einflussfaktor.
Iunna absolvierte ihren Bachelor in Psychologie in Sankt Petersburg und schloss anschliessend ihren Master an der Universität Zürich ab. Erste praktische Erfahrungen sammelte sie an der PUK sowie in einer Frauenklinik. Heute befindet sie sich in der psychotherapeutischen Weiterbildung mit kognitiv-behavioralem und interpersonalem Schwerpunkt am Klaus-Grawe-Institut und arbeitet als Psychotherapeutin in Weiterbildung bei WePractice in Zürich.
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