Teresa ist Psychotherapeutin in Weiterbildung. Sie spricht über unbezahlte Care-Arbeit als Therapeutin, ob sie sich vorstellen kann, ihr ganzes Leben in diesem Beruf zu arbeiten – und die Streichung psychotherapeutischer Leistungen aus der Grundversicherung.
Wie stehst Du zur politischen Diskussion, psychotherapeutische Leistungen aus der Grundversicherung zu streichen?
Ich bin grundsätzlich sehr tolerant und kann unterschiedliche Sichtweisen stehen lassen. Das Schöne an der Schweiz ist, dass wir in einer Demokratie leben. Ich habe grosse Zuversicht, dass wir am Ende die bestmögliche Entscheidung für uns als Gesellschaft treffen werden.
Hast Du das Gefühl, dass Du im Job Dinge gelernt hast, die sich positiv auf Deine privaten Beziehungen ausgewirkt haben?
Hundertprozentig, ja – ganz viel sogar. Besonders mitgenommen habe ich die Fähigkeit, mich wirklich auf ganz unterschiedliche subjektive Welten einzulassen und bewusst zu versuchen, in den Schuhen anderer zu gehen. Das hat mir geholfen, weniger Dinge persönlich zu nehmen und Menschen insgesamt mit mehr Verständnis zu begegnen. Ich glaube, dass sicher 60 % davon, wie andere mit uns umgehen, nichts mit uns selbst zu tun haben.
Was frustriert Dich im Arbeitsalltag?
Die Annahme, dass Klient:innen „nur zum Spass“ in die Therapie kämen. Ich habe keine einzige Klientin, bei der ich das so erlebe. Es geht hier nicht um Coaching oder Luxusangebote, sondern um Menschen, die ernsthaft Unterstützung brauchen.
Wie erlebst Du die Zusammenarbeit im System zwischen Krankenkassen, Ärzt:innen, Psychiater:innen und Psychotherapeut:innen?
Ich habe oft das Gefühl, dass in diesem ganzen Konstrukt am Ende vor allem wir Psychotherapeut:innen diejenigen sind, die dranbleiben, damit ein Patient möglichst rasch die nötige Versorgung erhält. Diese Arbeit fühlt sich für mich oft wie Care-Arbeit an: Sie ist wichtig, irgendwer muss sie machen, aber sie ist gleichzeitig unsichtbar und unbezahlte Arbeit.
Trotzdem ist mir eines sehr wichtig zu betonen: Es gibt unglaublich engagierte Hausärztinnen und Hausärzte und sehr tolle Psychiater:innen, die sich wirklich interessieren und mittragen. Und das ist – bei aller Kritik am System – etwas, das man nicht vergessen sollte.
Hattest Du je einen Moment der Verzweiflung, ob Du Dich für den richtigen Job entschieden hast?
Ja, solche Momente gab es. Nicht im Sinn von „Ich habe den falschen Job gewählt“, sondern eher die Frage, ob ich das mein ganzes Leben lang machen kann: eine Person nach der anderen zu sehen, der es nicht gut geht, die mit schwerwiegenden Problemen kämpft, und das alles zu halten. Darauf habe ich bis heute keine klare Antwort. Im Moment geht es sehr gut, es macht mir mega Spass und fühlt sich richtig an – aber ich merke auch, dass dieser Beruf etwas mit einem macht. Ob ich das mein ganzes Leben lang machen kann, weiss ich ehrlich gesagt noch nicht.
Du bist jetzt seit rund acht Monaten bei WePractice. Was unterscheidet Deine heutige Arbeit im ambulanten Setting von Deiner früheren Tätigkeit in der Klinik?
Fälle, die mir in der Klinik als gut und stabil erschienen sind, würde ich im ambulanten Setting teilweise als sehr an der Grenze dessen einschätzen, was noch tragbar ist. Das ist für mich als Behandlerin ein echter Perspektivwechsel. In der Klinik geht es häufig um den Notfall, ums Stabilisieren und darum, jederzeit bereit zu sein. Ambulant hingegen ist man viel stärker mit alltagsbezogenen Themen konfrontiert. Das finde ich extrem spannend.
Teresa hat an der Uni Zürich Psychologie studiert. Nach dem Studium startete sie in einer Frauenklinik. Dort arbeitete sie mehrere Jahre auf der Akutstation in der Krisenintervention, übernahm zusätzliche Funktionen und schliesslich die Teamleitung Psychologie. Berufsbegleitend startete sie ihre Weiterbildung am Klaus Grawe Institut und arbeitet jetzt als Psychotherapeutin in Weiterbildung bei WePractice.
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