Jasmin ist Co-Standortleiterin und Psychotherapeutin. Sie spricht über anstrengende Patient:innen, professionelle Distanz – und die Schönheit sowie Schwere des Berufs.
Was erfüllt Dich an Deinem Job?
In der Therapie ist man dem Menschen näher als irgendwo sonst. Man bekommt Einblicke in Leben, die oft nicht einmal die engsten Bezugspersonen haben – das flasht mich immer wieder. Diese Nähe in einem geschützten Rahmen ist etwas sehr Schönes, bringt aber auch eine grosse Schwere mit sich, weil man viele Emotionen und Geschichten mitträgt.
Die Einschätzung von Suizidalität ist nie eindeutig. Wie gehst Du mit diesem Restrisiko um?
Ein Kollege sagte einmal: „Wir können das Leben eines Menschen nicht vollständig kontrollieren.“ Das hat mir geholfen zu verstehen: Unsere Aufgabe ist nicht, absolute Sicherheit herzustellen, sondern sorgfältig einzuschätzen, ob eine Person in ihrer Entscheidungsfähigkeit eingeschränkt ist – oder ob wir es mit einer akuten, behandelbaren Krise zu tun haben.
Wenn eine Person sagt, sie sei sicher, nicht mehr leben zu wollen und Du schätzt sie als zurechnungsfähig ein – wie gehst Du dann vor?
Ich versuche zuerst zu verstehen, woher dieser Sterbewunsch kommt. Eine wirkliche Sicherheit, nicht mehr leben zu wollen, begegne ich kaum – meist ist es eine starke Ambivalenz.
Ich stelle es mir herausfordernd vor, bei der Arbeit immer die professionelle Distanz zu wahren.
Ja, das ist herausfordernd.
Ist es Dir schon einmal passiert, dass Du aus eigenen Anteilen heraus statt aus professioneller Perspektive therapiert hast?
Ja, das ist mir sicher schon passiert – das ist sehr menschlich. Durch Selbsterfahrung kennt man aber die eigenen Themen. In der Therapie bewegt man sich ja ständig auf drei Ebenen: bei sich selbst, beim Patienten und auf der Metaebene – das macht es anstrengend.
Hast Du schon einmal eine Therapie beendet, weil sie zu nah an Deinen eigenen Themen war?
Ich habe Therapien beendet, wenn ich gemerkt habe, dass eine andere therapeutische Passung sinnvoller wäre. Professionelle Verantwortung heisst auch, die eigenen Grenzen zu kennen.
Gibt es Patienten, die Dich aufregen?
Ja, das passiert. Es gibt Patienten, die sich einfach anstrengender anfühlen – nicht unsympathisch, aber herausfordernder. Genau das sagt aber oft viel über den therapeutischen Prozess aus: Warum ist es mit dieser Person schwieriger? Wenn starke Emotionen ausgelöst werden, prüfe ich, ob es mein Thema ist oder etwas, das diese Person auch bei anderen auslöst. Wenn man anspricht, welche Reaktion das Verhalten im Gegenüber auslöst – etwas, das auch andere erleben, aber nie aussprechen –, entsteht erstmals echte Konfrontation.
Jasmin studierte an der Universität Zürich und begann ihre berufliche Laufbahn in einem Ambulatorium. Anschliessend wechselte sie an die PUK auf die Akutstation und arbeitete danach ambulant im Sanatorium Kilchberg. Heute ist Jasmin Co-Standortleiterin in Zürich und Psychotherapeutin bei WePractice.
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