«Viele Kinder und Jugendliche kommen mit Angststörungen in die Praxis»
Depressionen, Ängste, Schlafstörungen – immer mehr Kinder und Jugendliche kämpfen mit psychischen Belastungen. Psychotherapeutin Marianne Bolliger-Crittin von WePractice erklärt, warum Selbstwertprobleme zunehmen – und wie Eltern konkret helfen können.
Gemäss Unicef leidet ein Drittel der 14- bis 19-Jährigen in der Schweiz unter psychischen Belastungen, Tendenz steigend. Woran liegt das, Marianne Bolliger-Crittin?
Der wachsende Leistungsdruck scheint mir der Haupttreiber zu sein, und zwar auf allen Ebenen: von der Schule bis ins Berufsleben. Unter diesem Druck geraten Familien schneller an die Belastungsgrenze und können oft nicht mehr der sichere Hafen sein, den Kinder eigentlich brauchen. Dazu kommen diffuse Zukunftsängste, die mit globalen Krisen zusammenhängen.
Welche Rolle spielen die sozialen Medien?
Sie befeuern unrealistische Körperbilder und Erwartungen an das eigene Leben. Ihr Suchtpotenzial ist hoch, weil sie das Belohnungssystem im Gehirn aktivieren. Andere Beschäftigungen treten in den Hintergrund, echte Begegnungen werden weniger.
Mit welchen Problemen kommen Kinder und Jugendliche in Ihre Praxis?
Am häufigsten mit depressiven Symptomen und Angststörungen. Viele Kinder zweifeln an sich selbst und leiden unter starken Versagensängsten.
Welche Warnzeichen gibt es für eine psychische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen?
Ein einzelnes Symptom macht noch keine Erkrankung. Grund zur Sorge sind deutliche, anhaltende Verhaltensänderungen, die den Alltag belasten. Wenn sich ein kontaktfreudiges Kind plötzlich zurückzieht. Oder wenn es kaum noch Freude zeigt. Starke Stimmungsschwankungen und Schlafprobleme können ebenfalls ein Warnzeichen sein. Aktuell beobachte ich vermehrt psychosomatische Bauch- oder Kopfschmerzen.
Was steckt hinter solchen körperlichen Beschwerden?
Häufig stehen sie im Zusammenhang mit Stress – etwa durch schulischen Druck, soziale Konflikte oder Ängste. Kinder erleben Belastung oft körperlich, weil ihnen noch die Sprache oder das Bewusstsein fehlt, um Gefühle klar einzuordnen. Meistens sind die Beschwerden echt, auch wenn keine körperliche Ursache gefunden wird.
Gibt es eine Lebensphase, in der Kinder besonders gefährdet sind?
Die Pubertät ist eine wahnsinnig sensible Phase. In dieser Zeit ist die Ablösung vom Elternhaus, dem sicheren Hafen, ein zentraler Entwicklungsprozess. Das Kind beginnt sich neu zu orientieren: Wer bin ich eigentlich? Zu all den körperlichen Veränderungen kommt der soziale Druck dazuzugehören. Das Risiko für psychische Belastungen nimmt in der Pubertät zu.
Ist die Pubertät heute schwieriger als früher?
Viele Jugendliche in unserer Praxis haben grosse Zukunftsängste, vor allem bezogen auf die Berufswahl. Das Thema künstliche Intelligenz dürfte den Druck künftig weiter erhöhen.
Unterschätzen Eltern diese Belastung?
Viele Eltern stehen oft selbst stark unter Druck: Sie wollen alles richtig machen und möglichst nichts dem Zufall überlassen. Dabei neigen sie dazu, ihren Kindern Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Für eine gesunde Entwicklung ist es jedoch wichtig, dass Kinder lernen, mit Schwierigkeiten umzugehen und Konflikte selbst zu bewältigen. Frustration und Enttäuschung gehören dazu. Entscheidend ist die Botschaft: «Ich traue dir das zu. Aber ich bin da, wenn du mich brauchst.»
Welche Rolle spielen Eltern in der Therapie?
Bei kleinen Kindern arbeite ich eng mit den Eltern zusammen. Oft geht es darum, Muster zu hinterfragen. Glaubenssätze wie «Ohne mich geht es nicht» können das Handeln unbewusst prägen und die Entwicklung des Kindes hemmen. Bei Jugendlichen ist ein geschützter Rahmen wichtig. Dort sollen sie offen über alles sprechen können – auch über Dinge, die sie den Eltern nicht anvertrauen wollen. Je nach Situation hole ich die Eltern aber gezielt dazu.
In der Schweiz beträgt die Wartezeit auf einen Therapieplatz für Kinder und Jugendliche im Schnitt rund elf Wochen. Ist das ein Problem?
Die Situation ist extrem angespannt. Es fehlt überall an psychotherapeutischen Fachkräften. Viele Betroffene erhalten Hilfe erst dann, wenn sich die Belastungen bereits verfestigt haben. Wir bei WePractice schaffen deswegen Ausbildungsplätze und entlasten unsere Therapeutinnen und Therapeuten im Berufsalltag – damit mehr Zeit für die eigentliche Therapie bleibt.
Wie bringen Sie die Kinder und Jugendlichen zum Reden?
Jüngere Kinder haben oft noch keine Sprache für ihre Gefühle. Daher gestalte ich die Therapie spielerisch, etwa mit Basteln oder Zeichnen. So fällt es ihnen leichter, sich auszudrücken. Bei Jugendlichen kommt es auf die richtige Haltung und Sprache an. Als Therapeutin darf ich nicht belehrend und distanziert tönen, aber auch nicht anbiedernd. Nur so entsteht Vertrauen. Ganz wichtig ist mir Humor, egal, wie alt die Kinder sind. Wir lachen viel zusammen.
Warum ist Humor so wichtig?
Er hilft, aus der Problemfixierung herauszukommen. Ich habe einen Buben in der Therapie, der leidenschaftlich reimt. Gemeinsam spinnen wir diese Reime weiter, bis sie irgendwann nicht mehr aufgehen – und wir beide in Gelächter ausbrechen. Lachen öffnet einen Zugang zu den eigenen Ressourcen. Im Grunde tragen wir vieles, was wir zur Bewältigung psychischer Schwierigkeiten brauchen, bereits in uns.
Marianne Bolliger-Crittin (44) ist Psychotherapeutin und klinische Psychologin. Ihr Fokus liegt auf Kinder- und Jugendpsychologie. Bolliger-Crittin arbeitet für WePractice, einer ambulanten Praxisgruppe mit gut 140 Psychotherapeuten an 17 Standorten. Diese ist Teil der zur Migros gehörenden Medbase Gruppe. Seit Anfang Mai betreibt WePractice am Zürcher Bahnhof Stadelhofen eine neue Praxis exklusiv für Kinder und Jugendliche.
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